Caterina und Andreas im Mentoringprogramm Chur, 10.06.2026

Eine Dozentin hat einmal gesagt, macht immer die Augen zu, wenn ihr schlechte Architektur seht, denn wir nehmen alles auf, was wir sehen.

Caterina hat ihren Weg in die Architektur mit einer Ausbildung als Zeichnerin für Innenarchitektur begonnen. Durch die Arbeit des Architekten Armando Ruvinelli in ihrer Heimatregion hat sie schliesslich entdeckt, dass sie nicht nur das Innere von Häusern gestalten will, sondern das komplette Gebäude. So kam sie zum Architekturstudium nach Chur. Gegen Ende ihres Studiums hatte sie die Möglichkeit, am Mentoringprogramm der Fachhochschule Graubünden teilzunehmen. Dabei unterstützen die Mentor:innen die Studierenden mit ihrem Praxiswissen und erleichtern ihnen so den Einstieg in das Berufsleben.
Aufgrund ihrer Präferenz, möglichst viel über den Arbeitsbereich Entwurf zu erfahren, wurde unser Head of Design Andreas Morf als Mentor angefragt und er hat gerne zugesagt!


Caterina, warum hast Du Dir für das Mentoring jemanden aus dem Bereich „Entwurf“ gewünscht?

Caterina: Ich finde am Entwurf besonders spannend, dass hier vieles zusammenkommt: räumliches Denken, Atmosphäre, Konzept und die Frage, wie ein Gebäude auf seinen Ort reagiert. Genau diese Vielschichtigkeit interessiert mich, deshalb wollte ich einen Mentor aus diesem Bereich.


Die Fachhochschule Graubünden hat dann ja nach einem Mentor für Caterina gesucht und bei Dir, Andreas, angefragt. Wie hast Du reagiert?

Andreas: Cool, mach ich! Ich bin ja hier bei Ritter Schumacher für die Lernenden im letzten Jahr zuständig und auch Experte für die Lehrabschlussprüfungen unserer Zeichner und das liegt mir sehr am Herzen. In unserem Beruf brauchen wir natürlich auch in Zukunft gute Leute und ich wirke gerne dabei mit, dass wir die finden und gut ausbilden.


Caterina, als Du jetzt von der Fachhochschule Graubünden in die Praxis gekommen bist: Hattest Du einen kleinen Praxisschock, wie Entwurf tatsächlich aussieht im Büro?

Caterina: Also das Lustige ist, dass ich ja durch die Lehre zuerst Praxis gemacht habe und dann das Studium. Deshalb kann ich eher sagen, was mich im Studium überrascht hat: dass Architektur nicht nur aus dem Entwerfen eines Gebäudes besteht, sondern aus einem viel grösseren Zusammenhang heraus entsteht. Plötzlich spielen Fragen wie Geschichte, Ort, Material, Gesellschaft und Partizipation eine wichtige Rolle. Man recherchiert in Archiven, sucht nach alten Plänen oder Fotos und versucht zu verstehen, welche Schichten ein Ort bereits mitbringt. Das macht Architektur für mich so interessant: Ein Entwurf ist nie isoliert, sondern immer Teil eines grösseren Gefüges.


Andreas, welchen Ansatz oder welche Herangehensweise kannst Du bei Caterina erkennen? Welche Prioritäten hat sie, was interessiert sie?

Andreas: Man merkt schon sehr stark, dass soziale Themen und die Nachhaltigkeit jetzt einen grossen Stellenwert an allen Schulen und Universitäten haben. Das merke ich auch bei anderen Personen, die sich bei uns bewerben.
Und was ich dabei vermisse, also jetzt nicht explizit bei Caterina, aber bei Studienabgänger:innen im Allgemeinen, ist das räumliche Denken.
Aus meiner Sicht wird sehr lange z. B. zu sozialen Aspekten oder Hintergründen recherchiert, dass man dann fast zu wenig Zeit hat, um das Produkt, also das Gebäude, so zu entwerfen, dass man auch das Räumliche mitdenken kann. Es gibt sehr viel Fachwissen und Recherche vor und im Projekt, aber es fehlt oft das räumliche Denken oder es ist nicht so ausgereift, wie ich mir wünsche und auch, wie ich das während meines Studiums gemacht habe.


Was genau meinst Du mit „räumlichem Denken“?

Andreas: Da ist einerseits der Ortsbau, das ist sicher ein Thema, oder die Frage, wie ein Gebäude zwischen anderen Gebäuden steht, welche Sichtbezüge es gibt etc. Aber ich meine vor allem auch das räumliche Innenleben eines Gebäudes: Was erlebst du, wenn du die Eingangstüren öffnest, was siehst du da als erstes?

Oftmals sind die Entwürfe funktional, weil eben viel Zeit in die Recherche gesteckt wird, aber sie sind an sich nicht so spannend. Das finde ich schade. 

Hat Caterinas Input Deine Perspektive noch mal ein bisschen verändert?

Andreas: Also was ich natürlich sehe, ist, dass man die Recherche viel weiter treiben kann als ich das gemacht habe und da kommen sicherlich irgendwelche Aspekte raus, die ich vielleicht jetzt im Moment einfach ausblende.
Es ist aber die Frage, ob das für das Projekt selbst wirklich so wichtig ist?

Man kann ja z. B. eine Wohnüberbauung nicht genau für eine bestimmte Person planen, das ist ja zufällig, wer dann darin lebt. Deshalb frage ich mich, ob es nicht wichtiger wäre, das Projekt räumlich so zu gestalten, dass sich viele Menschen ästhetisch angesprochen fühlen, statt bei den Entwürfen im Studium so detailgenau zu versuchen, auf fiktive Bedürfnisse fiktiver Bewohner einzugehen. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass Menschen es positiv wahrnehmen, wenn etwas wohlproportioniert ist, auch wenn sie das vielleicht nicht so leicht beschreiben können, weil es eher ein Gefühl ist. 


Caterina, kannst Du das nachvollziehen?

Caterina: Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Ich merke, dass sich mein Blick auf Atmosphäre im Studium immer mehr geschärft hat.

Gerade beschäftige ich mich in einem fiktiven Entwurfsprojekt mit der historischen Fuhrhalterei in Chur, die für viele Menschen in der Stadt einen besonderen Stellenwert hat. Dort plane ich neue Maisonette-Wohnungen in den Scheunen für junge Menschen. Dabei stellen sich für mich sehr konkrete Fragen: Wie behalte ich den Charakter der Scheunen? Welche Stimmung passt zu so einem Ort? Wie roh oder raffiniert darf die Materialisierung sein? Und wo beginnt etwas Neues, ohne dass das Bestehende verloren geht? Dabei geht es für mich nicht nur darum, bestehende Bilder zu sammeln, sondern eine eigene Vorstellung davon zu entwickeln, welche Atmosphäre dieser Ort in Zukunft haben könnte.


Caterina und Andreas, wann ist denn so ein Mentoring hilfreich? Was müssen beide mitbringen, dass es ein gutes Match ist?

Caterina: Ich glaube, das Erste ist immer der Wille zum Lernen.
Andreas: Ja, und das gilt insbesondere auch für die ältere und erfahrenere Person: ich darf nicht das, was ich weiss, automatisch als das Richtige annehmen, sondern ich bin gewillt, auch etwas Neues zu lernen. Dazu gehört auch, dass ich die Sichtweise, die die jungen Studierenden jetzt mitbringen, dass ich die mitnehmen und bestätigen oder erweitern kann. Also dafür ist Offenheit zwingend notwendig.

Caterina: Ja, Offenheit ist ganz wichtig! Nur so kann man auch diskutieren und hinterfragen, warum manche Dinge sind, wie sie sind. Vielleicht gefällt mir Manches nicht, aber es ist einfach hilfreich, die Gründe zu kennen, die dazu geführt haben, es auf eine bestimmte Art und Weise zu machen. So schafft man Akzeptanz und erweitert das eigene Repertoire.

Andreas: So ergibt sich auch eine hilfreiche Atmosphäre zwischen Mentor:in und Student:in, insbesondere, weil es in unserem Beruf ja kaum „richtig und falsch“ gibt, sondern man nur – im besten Fall gut – begründen kann, warum man sich für eine Lösung oder ein Detail entschieden hat. Als erfahrener Architekt kann ich an diesem Punkt den Studierenden vielleicht etwas mitgeben. 


Das klingt ja nach Freiheit! Caterina, wie viel Freiheit ist bei der Architektur dabei?

Caterina: Ich glaube, Freiheit in der Architektur heisst nicht, dass alles beliebig ist. Natürlich muss ein Raumprogramm funktionieren, aber damit allein ist es noch nicht automatisch Architektur. Spannend wird es für mich dort, wo man innerhalb dieser Rahmenbedingungen Entscheidungen trifft: Was ist bei diesem Projekt wichtig? Welche Atmosphäre soll entstehen? Was betone ich, und was nehme ich zurück? Da kommt dann auch die eigene Haltung hinein und wie man die verschiedenen Themen gewichtet. Und manchmal entscheidet man nicht nur rein logisch, sondern auch mit dem Bauchgefühl, ob etwas stimmig ist.


Hast Du ein gutes Bauchgefühl? Also merkst Du, wann ein Entwurf oder ein Konzept gut ist?

Caterina: Eine Dozentin hat einmal gesagt, macht immer die Augen zu, wenn ihr schlechte Architektur sieht, denn wir nehmen alles auf, was wir sehen, und das wird später zu unserem Massstab.

Andreas: Wenn ich bei dem Punkt noch schnell einhaken darf: Für mich ist etwas dann gute Architektur, wenn die Geschichte, die du dazu erzählen kannst, schlüssig ist. Dann kann das Ding auch irgendwie verrückt aussehen, also völlig abseits vom Alltäglichen sein. Wenn die Geschichte für möglichst viele Leute verständlich ist, dann bist du sicher auf dem richtigen Weg.


Sollte man diese Geschichten im Entwurf tatsächlich auch öfter erzählen oder aufschreiben?

Andreas: Das ist sicher hilfreich. So eine Geschichte beginnt dann auch nicht bei der Haustüre, sondern viel früher: Wieso steht das Haus überhaupt da? Was bilden sich da für Aussenräume? Und dann geht man von aussen nach innen und erklärt das Projekt so, dass es bis zum Ende schlüssig ist.
Ich denke, wenn Menschen diese Geschichten von Häusern kennen würden, würden sie mehr von der Architektur wahrnehmen, als das normalerweise der Fall ist.

Würdet Ihr sagen, dass das Mentoring schon früher stattfinden soll? Du bist jetzt ja kurz vor dem Studienabschluss.

Caterina: Ich glaube, ein Mentoring kann zu verschiedenen Zeitpunkten hilfreich sein, aber nicht immer auf die gleiche Art. Am Anfang des Studiums geht es vielleicht eher darum, Orientierung zu bekommen und den eigenen Arbeitsprozess zu finden. Gegen Ende wird der Austausch mit der Praxis dann nochmals anders wertvoll, weil man die eigenen Entwurfsentscheidungen bewusster reflektiert und besser einordnen kann.

Andreas: Aus meiner Sicht wäre ein Mentoring ein bisschen früher wahrscheinlich okay, ich würde aber nicht im ersten Jahr schon jemanden als Mentor einsetzen, denn ich denke, es geht im ersten Jahr vor allem darum, sich zu reflektieren, sich in der Überforderung zurecht- und wiederzufinden. Auf diese Weise fängt man an, seinen eigenen Weg aufzubauen. Das ist nicht leicht, aber ich denke, es ist für das Architekturstudium wichtig, dass man nicht sofort von jemandem mit Erfahrung beeinflusst wird. 

Caterina: Ja, das stimmt. Vielleicht braucht es am Anfang vor allem Raum, um den eigenen Weg zu finden. Später kann Mentoring dann gezielter auf inhaltliche, räumliche und gestalterische Fragen eingehen.


Andreas, Du hast ja schon gesagt, dass sich im Studium einiges verändert hat. Gibt es noch etwas, das sich verändern sollte?

Andreas: Mir wäre es, wie vorhin schon gesagt, wichtig, dass die Studierenden wieder einen Fokus auf die Architektur selbst legen dürfen.

Caterina: Das ist auch der Bereich, der mich im Studium immer mehr fasziniert. Je tiefer ich in diese Themen eintauche, desto mehr merke ich, wie komplex Architektur eigentlich ist ‒ und dass jede Entscheidung wieder neue Fragen öffnet. Mich interessiert besonders, wie aus vielen Anforderungen ein stimmiger Entwurf entsteht, der nicht nur funktioniert, sondern auch eine klare Haltung zum Ort, zur Nutzung und zu den Menschen zeigt.


Reicht Euch die Zeit, die Ihr für das Mentoring habt?

Andreas: Wir haben jetzt monatlich mal zwei Stunden veranschlagt, aber ich bin bereit, noch zwei Stunden pro Monat reinzugeben, denn jetzt fängt Caterina ja mit der Bachelorarbeit an.

Caterina: Ja, für mich ist der Austausch mit Andreas sehr wertvoll. Seine Perspektive aus der Praxis hilft mir, bestimmte Fragen im Entwurfsprozess bewusster einzuordnen und meine eigene Haltung weiterzuentwickeln.


Schön Andreas, wenn Du Dir da noch zusätzlich Zeit nimmst!
Zum Abschluss: Was ist das grösste Potenzial für Euch bei diesem Mentoringprogramm?

Caterina: Für mich liegt das grosse Potenzial darin, ein besseres Verständnis für die Denk- und Arbeitsweisen in der Architekturpraxis zu entwickeln. Es geht nicht nur um technische Fragen, sondern auch darum, wie man einen Entwurfsprozess strukturiert, Prioritäten setzt und Entscheidungen begründet. Vieles davon lässt sich nicht einfach als Regel oder Liste festhalten. Es ist eher eine Haltung, die man durch Erfahrung und Austausch entwickelt.


Sehr schön! Andreas, wie würdest du es sehen?

Andreas: Ich sehe das Potential einerseits darin, dass ich die Denkweise der jüngeren Generation kennenlerne, denn wir wollen ja auch als Büro nicht alt wirken, sondern uns z. B. in Wettbewerben immer wieder neu erfinden.
Das andere ist natürlich, dass wir uns als Betrieb präsentieren können und die Hoffnung haben, dass wir neue junge Kräfte bei uns engagieren können. Und für mich ganz persönlich ist der Austausch mit der jüngeren Generation sehr bereichernd: Ich bin Architekt geworden, weil ich neugierig bin, weil ich immer etwas Neues entwerfen oder lernen möchte. Durch die Kommunikation mit anderen Personen aus dem Bereich Architektur wird diese Neugier immer wieder befeuert!


Danke Caterina und Andreas für das Interview und Euch weiterhin ein fruchtbares Mentoring!

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